Raum Thun

28. März 2017 19:07; Akt: 28.03.2017 19:11Print

«Live Mission» sorgt für zwei Überschallknalle

Über dem Berner Oberland haben am Dienstagnachmittag zwei laute Knalle für Aufregung gesorgt. Es handelte sich um Überschallknalle wegen einer «Live Mission».

 

Zwei laute Knalle erschütterten am Dienstag gegen 16.15 Uhr den Raum Thun. Dies bestätigt die Schweizer Luftwaffe gegenüber 20 Minuten. «Zwei F/A-18-Maschinen waren bereits im Einsatz im Raum Payerne und mussten für einen Luftpolizeieinsatz Richtung Osten fliegen. Es handelte sich um eine sogenannte Live Mission», sagt Sprecherin Delphine Allemand. Die beide F/A-18 mussten ein Staatsluftfahrzeug kontrollieren.

«Jedes Staatsluftfahrzeug, das über die Schweiz fliegt, braucht eine sogenannte Diplomatic Clearance», wie Allemand erklärt. «Die F/A-18 kontrollierten, ob es sich bei dem Flugzeug um dasjenige handelte, dass gemäss Diplomatic Clearance angemeldet war.»

Facebook-User regt sich auf

Das Flugzeug sei im Raum Gotthard kontrolliert worden. Gemäss Allemand handelt sich um einen Standardprozess des Luftpolizeidienstes, der ungefähr 300-mal pro Jahr statt findet.


Militärische Bedröhnung

Entgegen dem Versprechen des VBS finden in der Innerschweiz zusätzliche Kampfjet-Flüge statt, weil der Militärflugplatz Sitten geschlossen wird

Die Flugbewegungen sollen um 20 Prozent zunehmen: Tiger-F-5-Kampfjet über dem Flugplatz Emmen. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

In Luzern ist zwar der Flughafen Zürich so weit weg, dass höchstens noch die Kondensstreifen der an- und abfliegenden Passagierflugzeuge wahrgenommen werden. Doch auch die grösste Stadt der Zentralschweiz leidet unter Fluglärm. Der Grund ist der Militärflugplatz Emmen, der inmitten der Agglomeration Luzern mit ihren rund 200'000 Einwohnern liegt. Hier sind unter anderem die ­Patrouille Suisse sowie die Tiger- und F/A- 18-Flugstaffeln stationiert.

Zwar freuen sich die Gemeinden über die rund 1500 Arbeitsplätze – inklusive jener der Ruag, dem Rüstungsbetrieb des Bundes. Aber gleichzeitig setzt sich der überparteiliche Schutzverband der Bevölkerung um den Flugplatz Emmen lautstark für eine Reduktion der Flug­bewegungen ein. Vor zwei Jahren lehnte zudem die Luzerner Stadtregierung eine Flugshow der Kunstflugstaffel im Rahmen des Stadtfests ab. Und erst kürzlich hiess der Stadtrat ein Postulat der SP und Grünen gut, das ein Verbot von Übungsflügen und Formationsflügen der Patrouille Suisse über der Stadt ­Luzern gefordert hatte. Wahre Flugbegeisterung sieht anders aus.

Seite einigen Tagen ist die Stimmung nun ganz ins Negative gekippt. An einer Medienkonferenz in Emmen hatte die Luftwaffe bekannt gegeben, dass ab 2018 in Emmen rund 20 Prozent mehr Kampfjetflüge abgewickelt werden sollen. Grund ist die Einstellung des regelmässigen Militärflugbetriebs in Sitten. Damit werden die Anzahl Starts und Landungen von Tiger und F/A-18 um 1200 auf 5000 zunehmen. Die beiden übrigen Kampfjet-Flugplätze in Payerne VD und Meiringen BE werden 11'000 (+1900) respektive 5000 (+500) Flugbewegungen übernehmen. Emmen muss zudem schon ab diesem Jahr rund 1500 zusätzliche Starts und Landungen der leiseren PC-21-Turboprop-Maschinen verkraften.

Eine Kommunikationspanne

Die Mitteilung der Luftwaffe schlug ein wie eine Bombe. Die ganze Region hatte sich in Sicherheit vor noch mehr Fluglärm gewähnt. Zwar war längst bekannt, dass Sitten früher oder später geschlossen werden und dies Auswirkungen auf die übrigen Standorte haben würde. Noch im November hatte aber ein Sprecher des Verteidigungsdepartements (VBS) gegenüber dem Nachrichtenportal Zentralplus gesagt, Emmen werde «nicht viel mehr Flugbewegungen erhalten». Hinzu kam einen Tag vor der Medienkonferenz eine Kommunikationspanne: Der Bundesrat hatte eine Antwort auf die Interpellation der Luzerner SP-Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo veröffentlicht. Dort stand, Emmen müsse mit 3000 zusätzlichen Flugbewegungen (Jets und Turboprop-Maschinen) pro Jahr rechnen – also mehr, als am Tag darauf die Luftwaffe verkündete. Laut dem VBS ist der Grund für die unterschiedlichen Zahlen, dass die Flugbewegungen jährlich stark variieren.

Damit war in Luzern die Verwirrung komplett und die Wut gross. «Das ist ­etwas vom Schwächsten, das ich kommunikationstechnisch je erlebt habe», sagte der Emmer Gemeindepräsident Rolf Born gegenüber «20 Minuten». Und auch die Luzerner Kantonsregierung wurde auf dem falschen Fuss erwischt. Sie hatte nämlich vom Bund verlangt, dass die Schliessung von Sitten nicht zu einer höheren Lärmbelastung führen dürfe. Und falls doch, sollten in Emmen wenigstens mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Wie aber Vizeluftwaffenchef Bernhard Müller an der Pressekonferenz erklärte, könnten es künftig gar weniger werden, weil das VBS schweizweit Stellen abbauen muss.

Gross ist auch das Misstrauen gegenüber dem Bund. Prisca Birrer-Heimo, die in der Nähe des Flugplatzes wohnt und im Vorstand des Schutzverbands ist, sagte zum TA: «Abgesehen davon, dass in Bern offenbar die eine Hand nicht weiss, was die andere tut, betreibt das VBS eine Salamitaktik.» Sie fürchtet, dass es in Emmen früher oder später noch mehr Flugbewegungen und Lärm­immissionen geben wird. (Tages-Anzeiger)

 

Erstellt: 24.02.2017, 07:09 Uhr